Skript des Grundkurses Geographie zum Thema

Demokratie und Entwicklungsländer

Grundlage für die Entwicklung einer Demokratie ist die Anerkennung der Menschenrechte, zu denen sich alle Mitglieder der UNO verbal bekennen. Dass jeder Mensch das Recht auf Leben und Freiheit, materielle Grundsicherheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit hat, solange er keinem anderen Menschen damit schadet, ist leider kein Naturgesetz. Es gibt keine absolute Begründung der Menschenrechte, die eine Frucht der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts sind. Vorher war der Einzelne eingebunden in patriarchalische Sippen-, Gruppen- und Stammesstrukturen, später in Feudalstrukturen mit „Anführern“ (Könige, Fürsten…), die im Rahmen zumeist religiös begründeter Grundnormen weitgehend unumschränkt über das „gemeine“ Volk herrschten. Demokratien können nur dann entstehen und sich behaupten, wenn ein Mindestmaß an Wohlstand und Sicherheit existiert und eine hinreichend breite Schicht von Bürgern bereit ist, den demokratischen Staat zu tragen. Regelmäßige, allgemeine, geheime und freie Wahlen zwischen Parteien mit unterschiedlichen Zielsetzungen sind Voraussetzung, ebenso der Rechtsstaat und die Gewaltenteilung. Die besten Mittel zur Verbreitung der Demokratie sind wirtschaftliche Entwicklung, soziale Sicherheit und Bildung, aber auch Interventionismus zugunsten seiner Bürger.

Die Menschenrechte werden in weiten Teilen der Welt, z.B. im gesamten islamischen Kulturkreis, faktisch in ganz Afrika, in vielen Staaten Asiens, generell in allen nichtdemokratischen (also totalitären und autoritären) politischen Systemen, mißachtet. Manchen Staaten ist die europäische Denkweise fremd geblieben, ihre Staatsphilosophie gewöhnt sich nur schwer oder gar nicht an die Menschenrechte (China…).

Während in totalitären Systemen der Bürger eine „wahre“ religionsähnliche Weltanschauung aktiv unterstützen muß und sich in keine persönlichen Freiräume zurückziehen kann, spielt in autoritären Systemen die Herrschaftssicherung die zentrale Rolle. Pluralismus wird, wenn er keine Systemgefährdung – etwa durch öffentliche Kritik - mit sich bringt, geduldet. Bürger, die keine aktiven Regimegegner sind, leiden weniger unter Repressionsmaßnahmen als unter totalitären Regimes.     

 

Unter dem Begriff Entwicklungsländer versteht man ganz allgemein die Staaten, in denen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung im Vergleich zu den liberal- demokratischen Systemen ( = westliche, marktwirtschaftliche Länder) noch nicht ähnlich weit vorangeschritten ist.

Dies wird durch den Human- Development- Index (HDI) ausgedrückt.

Die Bevölkerung ist stark segmentiert und Kontinuität der Herrschaft selten feststellbar, Instabilität der Machtausübung scheint typisch.

In den Staaten, die früher unter Kolonialherrschaft standen, sind trotz der Versuche direkt nach der Staatsgründung, keine Demokratien entstanden.

Die Dependenztheorie geht von – auch der politischen und kulturellen – Abhängigkeit/Fremdbestimmung/Außensteuerung durch entwickelte

Staaten aus. In den meisten unterentwickelten Staaten seien in der Sozial-und Raumstruktur  koloniale Einflußnahme und Dominanz spürbar.

Die Kolonialmächte hätten in den Kolonien Rohstoffquellen durch Zwangsarbeit ausgebeutet und sich Absatzmärkte für ihre Fertigprodukte – auch durch Unterdrückung der Eigenproduktion -  gesichert („internationale Arbeitsteilung“). Zugleich sei die von den Kolonialmächten aufgebaute Infrastruktur (Verkehr, Verwaltung, Gesundheitswesen, Schulen) nur den Kolonialmächten selbst und der kollaborierenden einheimischen Oberschicht zugute gekommen. Damit seien Gesellschaften der Kolonien in Klassen gespalten und ihre Entwicklung blockiert worden, zumal die ausgebildete obere Verwaltungsschicht nur aus Europäern bestanden habe, die nach der staatlichen Unabhängigkeit ohne Einarbeitung der Einheimischen in die Heimatländer zurückgekehrt sei. Unterentwicklung bedeute also nicht einfach Rückständigkeit, sondern Deformation. (Dies ist nur eine von mehreren Theorien der Unterentwicklung)

(Anmerkung : Im Laufe der letzten 500 Jahre waren grosse Teile der Erde im Besitz von europäischen Kolonialmächten + USA + Japan. Um 1900 gab es z.B. in Afrika nur einen selbständigen Staat ( Äthiopien- später von Italien angegriffen ), von Indien bis Australien war (fast) alles Land aufgeteilt, ganz Amerika war einmal Kolonialbesitz. Ein Kolonialraum umfasste meist eine Vielzahl von Stämmen oder Völkern mit eigener kultureller Identität (Sprache!).Bei der Erlangung der Unabhängigkeit zogen die Kolonialmächte die Grenzen ohne Rücksicht auf die Ethnien, die nationale Identifikation gelang nicht, zumal oft eine (kleptokratische) ethnische Mehrheit die Macht übernahm, Minderheiten unterdrückte, das Ausbeutungssystem der Kolonialherren kopierte u. damit Rebellion u. Bürgerkrieg heraufbeschwor. Häufig ist Englisch oder Französisch (--> Indien, Nigeria...)die wichtigste Amtssprache.

 

Das zahlenmäßig geringe Bürgertum der privilegierten Bessergebildeten (Ausbildung an westlichen Schulen) ist mit dem traditionellen Besitz-

bürgertum ( = Großgrundbesitzer) eng verbunden und findet Beschäftigung in Staatsbetrieben. Es privilegiert sich selbst, Korruption und Klientelismus sind die Folge. Regelmäßig wird ein Segment der herrschenden Klasse durch ein anderes ausgetauscht, wobei Militär, Verwal-

tung, Massenorganisationen oder eine Staatspartei mitwirken. Besonders in Afrika spielen nach wie vor tribale Führer auf regionaler Ebene

eine wichtige Rolle.

 

TRIBALISMUS : aus unserer Sicht archaische Denk-u.Verhaltensweisen, die an Stammesgruppen (Clans), Dorfverbände oder Grossfamilien orientiert sind u. ihre ethnische Grundlage in einem gemeinsamen Genpool haben. Der Einzelne zählt wenig, der ungeschriebene Moralkodex verpflichtet die Mitglieder, die „Ehre“ ihres Stammes ( = Ehre der Familie, der Frauen, des Gesamtverbandes ) zu schützen. Das führt zwangsläufig zu Rache u. Vergeltung, selbst „Bagatellen“ wie ein Viehdiebstahl können zu Stammesfehden mit einer generationenlangen Kette von Entführungen, Vergewaltigungen u. Morden führen. Positive Aspekte sind selbstlose Gastfreundschaft, Gruppenverantwortlichkeit = soziales Netz (z.B. gegenüber Witwen ), Gemeinschaftseigentum mit Nutzungsrechten für die einzelnen Familien. Entscheidungen werden vom Stammesrat der älteren Männer getroffen. Tribalismus ist auf der Erde weit verbreitet, bes. in Schwarzafrika (> Konflikte Nomaden/Bauern) u. im islamisch geprägten Bereich. Selbst Mohammed ist die Überwindung des Stammesdenkens nur teilweise gelungen, Stammestraditionen haben die Moralvorstellungen des Islam sogar mitgeprägt (--> Afghanistan, Jemen, Irak, Saudi-Arabien....).

 

Selbst in Indien, das immer als leuchtendes Beispiel für eine funktionierende Demokratie trotz Unterentwicklung genannt wird, bestehen

beachtliche Zweifel an der demokratischen Regierungsform wegen der hohen Analphabetenzahl und den quasimonarchischen Führungsper-

sönlichkeiten. Besonders negativ ist das  Kastenwesen zu vermerken.

KASTENWESEN : spezifisch für das hinduistische Indien (daneben 11%Muslime, 6% Sikhs+Buddhisten+Christen ) mit 4 Haupt- u. 3000 Unterkasten, ausserhalb der Kasten u. am Rande der Gesellschaft existieren die „Unberührbaren“ ( = Parias = Harijans = Dalits ). Die Kastenzugehörigkeit wird durch die Geburt bestimmt u. kann nur durch die Wiedergeburt (positiv) verändert werden. Voraussetzung hierfür ist die Erfüllung der religiösen Vorschriften , die Bereitschaft, sich in die gottgewollte Ordnung zu ergeben u. sein Schicksal fatalistisch zu erdulden.  Das Kastenwesen weist den Menschen im Dorf - 70% der Inder leben heute noch in (570000 ) Dörfern – bestimmte Arbeiten zu, es legitimiert auch Macht- u. Eigentumsverhältnisse. Die Mitglieder der höchsten Kasten (Brahmanen) üben wirtschaftlich u. politisch den grössten Einfluss aus u. leben als „Landlords“ nach dem System des Rentenkapitalismus. Sie haben es verstanden , die soziale Differenzierung zu zementieren, obwohl die Verfassung des 1949 von den englischen Kolonialherren in die Unabhängigkeit entlassenen Staates das Kastenwesen verbietet. Es gibt natürlich auch "arme" Brahmanen, z.B. Schriftgelehrte.

 

Besondere Verhältnisse herrschen in Lateinamerika, vor allem in Brasilien, wo die Menschen zwar in einem demokratischen Umfeld wählen

können, die Bevölkerung jedoch durch die Eigentumsverhältnisse getrennt bleibt. Das Vermögen, kaum besteuert, konzentriert sich in wenigen Händen, der Regierung entgehen wichtige Einnahmen für Investitionen, für Strukturreformen. Dringend notwendige Landreformen durch Zer-

schlagung von Großgrundbesitz kann nicht stattfinden, alte Eliten mit ihren traditionellen Absprachen zur Machtverteilung leben in „gated communities“ und halten sich die Armen vom Leib. Die Armen werden zu Almosenempfängern, es sind Menschen, die etwas erwarten, anstatt es zu fordern.

 

Schwerste Belastung für eine echte Demokratie scheint überall die Erlernung des Tolerierens einer Opposition zu sein. Es besteht kein Verständnis für die Rolle der Opposition als Kontrollorgan der Regierung. Die Opposition wird als feindliche Macht innerhalb des Landes ange-

sehen. Von entscheidender Bedeutung ist also die Art des Wettbewerbs, den das politische System zuläßt und z.B. in den familienregierten

Staaten (Golfregion…) nicht existiert. Oft bildet der nach außen hin demokratisch- politische Wettbewerb nur die regionalen Konflikte ab.

Auch im Parteienwettbewerb durchgeführte Wahlen vermögen es nicht, die politische Herrschaft im westlichen Sinne zu legitimieren, Pseudodemokratien entstehen. Diese Pseudodemokratien zeigen zwar ein höheres Maß an Freiheit als autoritäre Systeme, ihre Verfassungen bleiben

aber häufig hohl, weil wirtschaftliche Oligarchien Einfluß nehmen, das Militär eine Rolle spielt und/oder Verwaltung und Justiz zutiefst korrupt sind. Breite Bevölkerungsschichten sind von der politischen Teilhabe ausgeschlossen, Wahlmanipulation ist normal. Zwar versuchen auch in westlichen Demokratien gut organisierte Interessengruppen Einfluß auf die Regierungspolitik zu nehmen, doch muß die Regierung immer auch auf das ökonomische Wohlergehen breiter Bevölkerungsschichten achten, denn sie braucht die Zustimmung umfassender Mehrheiten. Der Westen hat sich an sog. „Entwicklungsdiktaturen“ gewöhnt, in denen die Machthaber, demokratisch getarnt, versprechen, die rasche gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben zu wollen. Oft sorgen bestimmte Verfassungsregeln dafür, dass kein Staatsorgan (Parlament, Regierung, Justiz…) mehr Macht besitzt als der Präsident, die Institutionen dienen als „demokratische Fassade“ (GUS- Staaten…).

 

Man nennt diesen Zustand

Bad Governance : wesentliche, demokratische Grundstandards der Menschenrechte können nicht eingehalten werden, die Folge dieser Unfähigkeit sind Korruption, Bereicherung, mafioser Klientelismus, Rechtsbruch, Enteignungen, gesetzloser Machtmissbrauch, Zensur. Daraus erwachsen militante Konflikte, Massenmorde, Bürgerkriege, Staatszerfall. Bad Governance wäre allerdings ohne Einwirkung von außen nicht möglich : außenpolitische Einflussnahme (Konkurrenz um Arbeitskräfteresourcen, Märkte, Rohstoffsicherung), Militärbasen, Waffenexporte, Militärhilfe, Terrorbekämpfung; nicht zuletzt sollte auch die willkürliche Grenzziehung nach dem 2. Weltkrieg, die verfeindete Gruppen in einem Staat zusammenführte oder einheitliche Gruppen durch Grenzen trennte, bedacht werden.  Auch die Handelsregeln der WTO und die Auswirkungen der Globalisierung gehören hierher. „Good Governance“ als Bedingung für Vergabe von Krediten durch die Weltbank werden von den autoritären Regierungen heftig kritisiert.

 

Getragen von den Erfolgen Chinas, Russlands, einiger arabischer und südamerikanischer Staaten beginnt sich der autoritäre Kapitalismus als Alternative zur marktwirtschaftlichen, liberalen Demokratie zu etablieren ("pragmatische Diktatur"). Der westliche Glaube an das eigene System, das allen anderen Staatsformen überlegen sei, beginnt, besonders in Hinsicht auf die verantwortungslose Zockerei der Großbanken, zu bröckeln. " Mit China steigt ein undemokratischer, nicht-liberaler Staat in der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Hierarchie auf, der sich - in Konkurrenz zum Westen - zu einem eigenen ordnungspolitischen Modell für andere Staaten entwickelt" (Zitat aus der Asienstrategie der CDU/CSU-Fraktion Dez. 2007). Diese Systeme kombinieren aristokratische Führung mit einem staatlich kontrollierten Kapitalismus, sie stellen Ordnung vor Freiheit, schüchtern die Opposition ein, zensieren die Presse, überhören Menschenrechtsappelle und Reformforderungen, garantieren jedoch ein gewisses Maß an Rechtssicherheit und belohnen Leistung und Talent. ( Man vergleiche den Aufstieg Deutschlands und Japans zu Beginn des 20.Jahrhunderts!). Politische Freiheit im westlich-demokratischen Sinn könnte allerdings multiethnische Staaten zerreißen. Die Schwächen : keine unabhängigen Kontrollinstanzen, Entstehung einer ineffizienten Günstlingswirtschaft, staatliche Gängelung als Innnovationshemmnis. Möglicherweise können diese Defizite aber durch erhöhte soziale Disziplin (Repression?) ausgeglichen werden. Es steht nicht gut um die Demokratie : Pakistan, Myanmar, Kenia, Malaysia, Nigeria, Iran, Golfstaaten, Venezuela, Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan... Im "Westen" geht die Furcht vor den milliardenschweren Staatsfonds der Erdölexporteure um, die sich wichtiger nationaler Firmen (Rüstung!) bemächtigen könnten, gesetzliche Abwehrmaßnahmen werden/wurden beschlossen.

 

Globalisierung : Darunter versteht man die immer tiefere Vernetzung von Wirtschaft und Politik mit anderen Staaten und den dadurch entstehenden globalen Kapitalismus, der der parlamentarischen Demokratie schleichend die Grundlage entzieht. Als Folge geht auch die gesellschaftliche Solidarität verloren. Nur Nationalstaaten besitzen die erforderliche Autonomie, um ihren Bürgern das demokratische Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, das aber bei der Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz in Frage gestellt wird. Der Konkurrenzdruck wird international. Unternehmer haben nun die Möglichkeit, sich in Ländern mit niedrigen Lohnkosten („Billiglohnländer“, „Lohndumping“), geringen umweltpolitischen Auflagen niederzulassen, Kommunikationsinnovationen und geringere Transportkosten tragen dazu bei. Grundlegende Entscheidungen werden dem Zugriff und der Kontrolle der demokratisch gewählten Politiker entzogen, die nationalstaatliche Regulierung greift nicht mehr. Transnationale Unternehmen („Global Players“), vor allem Bankkonzerne („Fünfte Gewalt“), diktieren den Regierungen die „richtige“ Wirtschaftspolitik ohne jegliche demokratische Legitimität und treffen über Grenzen hinweg Entscheidungen, die viele Millionen Menschen angehen. Besonders betroffen sind Entwicklungsländer, deren Industrie sich im ersten Wachstumsstadium befindet und deren Familien- und Kleinbetriebe vom ruinösen Wettbewerb mit den Dumpingprodukten anderer Staaten – ganz besonders von China - zugrunde gerichtet werden. Politische Idealisten fordern deshalb eine Art Weltregierung : „Global Governance“, die für die Steuerung der Globalisierung zuständig sein soll.

 

World Trade Organization (WTO)ist eine der wichtigsten internationalen Organisationen, weil sie über rechtliche Verbindlichkeit und Sanktionsmöglichkeiten durch Schiedsgerichtsverfahren verfügt. Demokratisch legitimierte nationale Gesetze müssen WTO- Recht weichen

(ähnlich dem supranationalen EU-Recht). Sie ist für Regelungen im Bereich des Agrarhandels, bei Textilien, Dienstleistungen, handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen und bei geistigem Eigentum zuständig mit den Zielen u.a. einer weltweit gerechten Verteilung des materiellen Wohlstandes und des internationalen Umweltschutzes. Ihre Macht und ihr Einfluß nehmen ständig zu, deshalb stellt sich die Frage nach demokratischer Kontrolle und Transparenz. Hierbei sind gravierende Demokratiedefizite festzustellen, denn es findet keine legislative, parlamentarische Kontrolle statt, so dass selbst WTO- Ausschussmitglieder die Entscheidungen nicht nachvollziehen können. Die WTO wirkt mit ihrer oft einseitigen Dominanz der handelspolitischen Interessen weit über ihre Organisationsgrenzen hinaus als entdemokratisierendes Element im internationalen System. Besonders die Mitglieder der Entwicklungsländer sind durch die – finanziell bedingte – Kleinheit ihrer Delegationen im teuren Genf nicht in der Lage, an allen Ausschüssen teilzunehmen, geschweige denn an den vielen informellen Verhandlungen, bei denen nicht bekannt ist, wer teilnimmt und worüber verhandelt wird. Dort aber werden faktisch alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Es gilt zwar ein Konsensprinzip, die vielen kleinen, verschuldeten und wirtschaftlich abhängigen Staaten stehen den mächtigen Handelsnationen aber ohnmächtig gegenüber. Zudem sind die wirkungsmächtigen Schiedsgerichtsverfahren nicht öffentlich.

 

Milleniumsentwicklungsziele (MEZ) : Im Jahr 2000 versprachen in einer „Milleniumserklärung“ 189 UN-Mitgliedsstaaten eine bessere Welt aufzubauen. 2001 beschloss die UN- Generalversammlung eine Umsetzung der Erklärung in Form der „Milleniumsentwicklungsziele“ (MEZ) die seitdem einen international anerkannten Rahmen bilden und bis 2015 verwirklicht werden sollen.

Es gibt acht Ziele (1. Beseitigung von Armut und Hunger; 2. Grundschulbildung; 3. Gleichstellung der Geschlechter; 4. Senkung der Kindersterblichkeit; 5. bessere Müttergesundheit; 6. Bekämpfung der Pandemien; 7.ökologischeNachhaltigkeit; 8. weltweite Entwicklungs-partnerschaft), die den „globalen Gemeinwillen“ ausdrücken sollen.

Die MEZ stellen leider keine umfassende Entwicklungsagenda dar, sie werden als „defekte Vision“ bezeichnet, weil grundlegende Elemente wie Frieden und Demokratie fehlen. Interessanterweise hatten die Regierungschefs in der Milleniumserklärung Frieden, Sicherheit, Abrüstung, Menschenrechte, Demokratie, good governance als grundlegende Ziele bezeichnet. Paradoxerweise entsprachen diese Ziele aber offensichtlich nicht dem Willen der Mehrheit der UN- Mitgliedstaaten. Eine auf international anerkannten Menschenrechten beruhende Demokratie  mit einem starken Parlament und starken zivilgesellschaftlichen Organisationen ist jedoch eine wichtige Bedingung dafür, dass die Armen zu ihren Rechten kommen.