2. Zwischenbericht zum Projekt "Offenes Klassenzimmer" des Kleinen privaten Lehrinstituts Derksen in München; Stand Juni 2002
Projekt: "Offenes Klassenzimmer"
 
 
 
Angaben zur Schule:  
   
Schulart:
Neusprachliches Gymnasium mit humanistischem Zweig in privater Trägerschaft (gemeinnützige GmbH), staatlich anerkannt
Größe: Jahrgangsstufen 5 mit 13 fortlaufend, in der Regel einzügig geführt, insgesamt rund 200 Schüler/innen
Umfeld: Stadtrandlage in Großhadern; kleine, übersichtliche Schule
Profil: Integrativer Schulansatz, behinderte und nichtbehinderte Schüler/innen unterschiedlicher Behinderungsformen werden in gemeinsamen Klassenverbänden unterrichtet.
Ansprechpartner: Ekkehard Wolf
Kontakt: wolf@ilo.de oder: Tel.: 0049-89-780 70 70
 
Kurzbeschreibung: Das Projekt verfolgt die Idee nachbaubare Wege einer zukünftigen Öffnung von Schule und vergleichbaren Einrichtungen nach außen durch den Einsatz der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien aufzuzeigen. Im Mittelpunkt des Vorhabens steht die Schaffung und Erprobung mobiler, bidirektional einsetzbarer audiovisueller Kommunikationssysteme, die per Kabel- und/oder Funkvernetzung an ISDN-Leitungen angeschlossen sind. Die besondere Betonung liegt auf dem Einsatz der H320-Videokonferenztechnik.

Schwerpunktmäßig werden folgende Einsatzbereiche erprobt:
- Einbeziehung langzeitkranker (lzk) Kinder in den Fachunterricht (Fu)
- Intensivierung internationaler Schulkontakte zum Abbau ausländerfeindlicher Tendenzen
- Einbeziehung auswärtiger Experten und Unterrichtung durch externe Lehrkräfte
- Stärkung der politischen Partizipation durch praktizierte Bürgernähe


Das Projekt knüpft unmittelbar an die langjährigen Erfahrungen unserer Schule auf dem Gebiet der Integration von Behinderten sowie unseren Bemühungen zur Intensivierung internationaler Schulkontakte unter Einsatz digitaler Informations- und Kommunikations-techniken an. Es trägt hoffentlich dazu bei, anderen Bildungsträgern und Sozialeinrichtungen nachbaubare Orientierungshilfen bei deren Bemühungen an die Hand zu geben, auch weiterhin neue Initiativen zu ergreifen, die geeignet sind, bisher wenig oder nicht genutzte innovative Technologien einzusetzen, um den Integrationsbestrebungen unserer Gesellschaft neue und zusätzliche Impulse zu verleihen und die Aufnahme ergänzender schulischer Erfahrungsbereiche in den Unterrichtsalltag zu ermöglichen. Das Vorhaben wird gefördert von der Stiftung "Bildungspakt Bayern" und wurde kürzlich in ein europaweites Projekt im Rahmen von Comenius eingebunden.

Grundidee
Die Idee, "Fernunterrichtsverfahren" ergänzend zum herkömmlichen Unterricht einzusetzen, wird an der Schule aufgrund ihres besonderen Charakters bereits seit längerer Zeit diskutiert. Dabei standen in Ermangelung direkter technischer Alternativen solche Überlegungen im Vordergrund, die auf die Auslagerung geeigneter Stoffgebiete etwa aus dem Bereich des vom Bayrischen Rundfunk betriebenen Telekollegs hinausliefen. Konkreter Handlungsbedarf entstand erstmals, als ein an Knochenmarkkrebs erkrankter Schüler die Oberstufe unseres Gymnasiums besuchte. Es stellte sich schnell heraus, dass die Integration von Telekollegssequenzen in den herkömmlichen Unterrichtsablauf nur unvollkommen gelingen konnte. Diese Erfahrung veranlasste die Schule nach weiteren Möglichkeiten zu suchen und eine geeignete Lehrkraft mit der Bündelung der entsprechenden Aktivitäten zu beauftragen.

Besondere Vorteile des hier vorgestellten Kommunikationsverfahrens
Mit Hilfe des hier eingeschlagenen Weges kann über die Distanz eine bidirektionale audiovisuelle Kommunikation zwischen den Beteiligten stattfinden. Als Beteiligte können Einzelpersonen miteinander, Einzelpersonen mit Gruppen oder auch Gruppen untereinander kommunizieren. Das bedeutet, dass sich die Beteiligten über große Entfernungen miteinander "von Angesicht zu Angesicht" verbal und visuell "unterhalten" können. Als Kommunikationsweg wird das verfügbare öffentliche ISDN-Telephonnetz in Anspruch genommen. Die Technologie ist ausgereift und arbeitet praktisch störungsfrei. Diese Lösung bietet sich besonders für ein Land wie Bayern an, in dem aufgrund seiner Ausdehnung eine flächendeckende Versorgung mit Hochgeschwindigkeitsnetzen nicht sichergestellt werden kann. Eine Internetanbindung ist nicht erforderlich, aber wünschenswert. Fremd- und/oder selbsterstellte Materialien sowie Arbeitsergebnisse können dann auch schriftlich per E-Mail begleitend eingesetzt und interaktiv bearbeitet werden.

Anwendungsfelder
Die hier erprobte Kommunikationstechnologie kann grundsätzlich in allen Bereichen eingesetzt werden, die über die erforderliche technische Infrastruktur verfügen. Es ist damit zu vergleichsweise geringen Kosten nachbaubar und übertragbar auf alle Felder, in denen der direkte Austausch von Angesicht zu Angesicht als vorteilhaft eingestuft wird, etwa um ein verbessertes gegenseitiges Kennenlernen zwischen den Beteiligten zu ermöglichen oder auch deren Integration zu fördern. Der Einsatz macht überall da Sinn, wo zur Realisierung der angestrebten Kooperation räumliche Distanzen überwunden werden müssen, die nicht kurzfristig oder mit der gewünschten Regelmäßigkeit durch die reale Zusammenführung der Gesprächspartner überwunden werden können.

Außerschulisch
ist die Anwendung beispielsweise im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen vorstellbar, wenn es darum geht, dem Patienten individuelle Beratung und/oder Anleitung zuteil werden zu lassen. Einsetzbar ist das Verfahren im Bereich der beruflichen Rehabilitation ebenso wie im Bereich der nachklinischen Patientenberatung, z.B. psychotherapeutische Notfallberatung, aber auch der Seelsorge und ähnlichen Feldern, in denen bisher bestenfalls telephonische Kontakte möglich waren.

Schulisch
lassen sich die vorgestellten Technologien altersunabhängig im Fachunterricht aller Schularten und Altersstufen einsetzen.

IuK-technische Vorkenntnisse
Das Verfahren kann von allen Lehrenden und Lernenden eingesetzt werden, die in der Lage sind, PC's ein- und auszuschalten sowie auf dem Computer installierte Anwendungsprogramme zu starten. Um fremderstellte Unterrichtsmaterialien einzusetzen müssen einfache Installationsvorgänge beherrscht werden und eine gewisse Markttransparenz vorhanden sein. Um selbsterstellte Unterrichtsmaterialien einzusetzen müssen einschlägige Anwendungsprogramme wie Word, Exel, Power-Point und ggfls. Front-Page "beherrscht" werden.

Aufbau der technischen Infrastruktur
Aufgrund der Zielvorgabe, wonach ein geeignetes Medium auf jeden Fall die unmittelbare bidirektionale, audiovisuelle Interaktion zwischen den Beteiligten ermöglichen sollte, rückte frühzeitig die H320-Videokonferenztechnik in den Vordergrund des Interesses. Dank der besonderen Aufgeschlossenheit des damaligen Leiters der Picture-Tel Niederlassung in Unterföhring erhielt die Schule bereits 1997 eine erste Geräteeinheit, die für den professionellen Einsatz geeignet war. Erste Möglichkeiten um Erfahrungen zu sammeln, ergaben sich, nachdem die Schule im Gefolge einer Modellprojektbewilligung durch die Aktion Schulen ans Netz einen ISDN-Anschluss erhielt. Schnell zeigten sich die Grenzen einer nur stationär einsetzbaren Anlage: Da die Einbeziehung externer Partner nur von einem Raum aus möglich war, hätte der gesamte Unterricht dorthin verlegt werden müssen, was aus organisatorischen und stundenplantechnischen Gründen undurchführbar erschien.

Mobile Stationen
Um auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen zu können, wurde als Ausweg die Bereitstellung mobiler Systeme ins Auge gefasst, die im günstigsten Fall über ein Funknetz an die ISDN-Leitung angeschlossen werden sollten.

Dazu wurden unterschiedliche Systeme für derartige mobile Einheiten zusammen gestellt.
Als Systemeinheiten wurden Picture-Tel Komponenten, die uns von Picture-Tel direkt und der Siemens AG zur Verfügung gestellt wurden, sowie das computerunabhängige System ERIS 1000 erprobt.

 
Um auch Gruppenkonferenzen durchführen zu können, wurde ein Picture-Tel System mit einem von Medium gesponsorten Beamer auf einer fahrbaren Einheit montiert.

Fachraum-Vernetzung
Als unrealistisch erwies sich zum damaligen Zeitpunkt die Hoffnung, diese Geräte über Funknetzverbindungen betreiben zu können.
Daher wurde die klassische Vernetzung der Fach- und Klassenräume ins Auge gefasst. Mit Unterstützung des Sozialreferats der Stadt München konnte dieses Vorhaben in den Sommerferien des Jahres 2000 insoweit realisiert werden, als dass neben der Fachraumanbindung auch sämtliche Klassenzimmer des Osttraktes unserer Schule so verkabelt wurden, dass von dort aus eine ISDN-Verbindung hergestellt werden kann.

Einbindung der Lehrkräfte
Die Einweisung der Lehrkräfte erfolgte im Rahmen einer hausinternen
Fortbildungsveranstaltung im Januar 2001. Eine Vertiefungsveranstaltung wurde im Januar 2002 durchgeführt.

Raumfrage
Damit war zwar die hausinterne Anbindung der verfügbaren Geräteeinheiten erreicht, nicht jedoch die Bereitstellung beim externen Konferenzpartner. Da sowohl die über herkömmliche Tischrechner betriebenen Picture-Tel Systeme, wie auch die ERIS Modelle aufgrund des relativ hohen Transport- und Standortvolumens deren Einsatz am oftmals räumlich recht beschränkten Krankenbett behindern, wurde die Ergänzung der einzusetzenden Hardware um Notebookkomponenten angestrebt.

Notebookstationen

 

Audiovisuelle Kommunikationsstation mit Panasonic-Notebook, AVM-PCMCIA-ISDN Karte, angeschlossener Kamera und Headset

Um hier einen Schritt weiterzukommen, wurde Ende 2000 ein entsprechender Förderantrag an das Bayrische Staatsministerium für Unterricht und Kultus gerichtet, der dann im gegenseitigen Einvernehmen an die Stiftung Bildungspakt Bayern weitergeleitet wurde. Nach Bewilligung der dort beantragten Projektmittel durch den Stiftungsrat wurde das Vorhaben im Sommer 2001 der Marketingabteilung der Firma Panasonic vorgestellt. Dank der im Ergebnis von Panasonic eingeräumten Sonderkonditionen konnten insgesamt sieben Rechner angeschafft werden. Die Mehrzahl davon wurde mit ISDN-Karten von AVM und dem Videokonferenzmodul Alice ausgestattet. Dieses System bietet den Vorteil, dass aufgrund der vergleichsweise geringen Größe der Bildschirmeinblendung für das Videobild, zeitgleich die gelenkte Bearbeitung von Unterrichtsmaterialien erfolgen kann, die online oder offline verfügbar sind.

Einbindung funkverbundener Kommunikation
Im Interesse der Nachbaubarkeit auch für solche Träger, die keine aufwendige Verkabelung der Klassen- und Fachräume vornehmen wollen oder können, ist die Netzanbindung per Funkverbindung erforderlich. Wenn notebookgestützte Lösungen auch im Klassenzimmer zum Einsatz kommen sollen, muss zudem die Sprechverbindung schnurlos erfolgen. Derartige Lösungen wurden bisher dadurch verhindert, dass für die Herstellung von Videokonferenzverbindungen zwei Kanäle parallel belegt werden müssen. Bezahlbare zweikanalfähige Funkbasisstationen waren bisher auf dem Markt nicht verfügbar. Entsprechende Stationen der Telekom haben sich als für diesen Zweck untauglich erwiesen. Für Anfang Dezember wurden entsprechende Geräte mit Bluetoothtechnik angekündigt. Bei der Erprobung der uns durch die Herstellerfirma AVM freundlicherweise zu Testzwecken zur Verfügung gestellten Version stellte sich jedoch bedauerlicherweise heraus, dass die erforderlichen Verknüpfungen derzeit unerwarteterweise nicht funktionsfähig sind. AVM hat zugesagt, die Probleme zeitnah zu lösen. Bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung des 2. Zwischenberichts konnten hier erkennbare Fortschritte erzielt werden. Die Stabilität der Bild-Ton-Übertragung ist jedoch noch immer nicht zufriedenstellen gelöst.

Anwendungsmöglichkeiten mit Kranken
Im schulischen Rahmen kann das hier vorgestellte Verfahren zur Einbeziehung von langzeitkranken Personen in den Unterricht eingesetzt werden. Es eignet sich in besonderer Weise zur Integration solcher Kinder und Jugendlichen, deren gesundheitlicher Zustand so instabil ist, dass die regelmäßige Teilnahme am Unterricht im Klassenzimmer nicht gewährleistet werden kann und die sich demzufolge sporadisch wiederkehrend für längere Zeit zu Hause aufhalten müssen. Das Verfahren trägt dazu bei, Unterrichtsdefizite infolge längerer Abwesenheit vom Klassenzimmer zu vermindern und die sozialen Kontakte zur Lerngruppe zu erhalten.

Methodische Besonderheiten für Unterrichtsvorhaben
Besonders geeignet ist der Einsatz der H320 VC-Technik für Unterrichtsvorhaben mit stark lehrerzentrierten Sequenzen, also z.B. dem klassischen Frontalunterricht. Der angeschlossene Schüler kann sich in solchen Situationen voll auf die unterrichtende Lehrkraft konzentrieren, ohne den im Klassenverband unvermeidlichen Ablenkungen ausgesetzt zu sein. Damit kann sich sogar die phasenweise "Ausgliederung" von Schülern mit Konzentrationsstörungen empfehlen. Dabei ist das zweiseitige Unterrichtsgespräch zwischen der Lehrkraft und dem angeschlossenen Schüler jederzeit möglich und damit dessen Einbeziehung in das Klassengespräch.
In Gruppenarbeitsphasen kann der Externe auf diese Weise gleichermaßen eingebunden werden.

Personenbezogene Besonderheiten
Vorraussetzung für die Einbeziehung von Kranken in dieses Verfahren ist, dass die Patienten nicht nachhaltig in ihrer audiovisuellen Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt sind. Das Verfahren eignet sich mithin nur bedingt für extrem seh- oder hörbehinderte Menschen.
Die gesundheitliche Verfassung des einzubeziehenden Patienten muss so beschaffen sein, dass eine zumindest zeitweilige Belastung durch Außenkontakte vertretbar ist.

Bisherige Erfahrungswerte - Einsatz am Krankenbett

Vorbemerkung:
Um unnötige Überschneidungen der verschiedenen Einrichtungen, die mit der Erprobung von Fernunterrichtsverfahren befasst sind zu vermeiden, haben wir uns im Rahmen der Einsatzoption der Einbindung langzeitkranker Jugendlicher bereits bei Antragstellung auf solche Personen beschränkt, die sich nicht mehr in stationärer klinischer Behandlung befinden. Dies erscheint sinnvoll, da die Schule für Kranke mit Unterstützung der Stadt München ein digitales Klassenzimmer eingerichtet hat, über das die Einbeziehung von jungen Menschen erfolgen kann, die in den Kliniken im Stadtgebiet behandelt werden. Für die Einbindung in das Vorhaben vorgesehen waren in dieser Phase daher zunächst diejenigen Schülerinnen und Schüler, die als reguläre Schüler unserer Schule für ein solches Projekt in Betracht gezogen werden konnten. Da es der Schule bisher nach wie vor verwehrt ist, Schüler, die nicht als ordentliche Schüler beim Lehrinstitut angemeldet sind, in das Vorhaben einzubeziehen, beschränkt sich der Kreis der langzeitkranken Schüler auf diesen Personenkreis.

Bisherige Erfahrungswerte
Ende des vergangenen Schuljahres wurden erste Probeläufe mit einer Testschülerin erfolgreich durchgeführt, über die unter anderem im Bayrischen Fernsehen berichtet wurde (hierzu kann eine Videoaufzeichnung auf Wunsch nachgeliefert werden) Zu Beginn des Schuljahres waren vier Schülerinnen und Schüler mit so weitreichenden gesundheitlichen Problemen konfrontiert, dass deren Einbeziehung in dieses Projekt sinnvoll erschien. Dabei handelte es sich um eine Schülerin der achten Jahrgangsstufe, einen Schüler der neunten Jahrgangsstufe, eine Schülerin der elften Jahrgangsstufe und einen Schüler der 13. Jahrgangstufe. Nach entsprechenden Vorgesprächen mit den betreffenden Schülern und den Eltern wurde das Angebot zunächst lediglich von zwei Schülern angenommen. Entsprechend wurden von den angeschafften Geräten zwei an diese beiden Schüler weitergeleitet. Verabredet war, dass diese im Bedarfsfall in der Schule anrufen und mitteilen, dass sie nicht am Unterricht teilnehmen können. Über das Sekretariat wird die Lehrkraft der 1. Std. benachrichtigt. Diese schaltet eine Schulanlage ein und stellt die Verbindung zum Rechner des Schülers her. Die Verbindung wird weiterhin über die Festnetzleitung hergestellt. Die Inanspruchnahme dieser Möglichkeit erfolgte in beiden Fällen bisher jedoch nur sporadisch, da sich die gesundheitliche Situation erfreulicherweise im weiteren Verlauf des Schuljahres so weit stabilisiert hatte, dass eine längerandauernde Abwesenheit vom Schulbesuch vermieden werden konnte. Der Schüler der 13.Jahrgangsstufe wurde Ende November zudem in eine klinische Betreuungseinrichtung aufgenommen, die im Gegensatz zur häuslichen Situation nicht über die erforderlichen freie ISDN-Anbindung verfügt.
Ein drittes Gerät sollte an eine Schülerin ausgehändigt werden, die aus gesundheitlichen Gründen (Essstörung) voraussichtlich längere Zeit nicht den Unterricht würde besuchen können. Wir hatten gehofft, dass die bestehenden gesundheitlichen Belastungen im häuslichen Umfeld aufgefangen werden könnten. Obwohl aufgrund der schulärztlichen Entscheidung im November 2001 die sofortige Einweisung in eine Klinik verfügt wurde und die Schülerin für einen längeren Zeitraum in stationärer Behandlung sein musste, konnte diese Patientin nicht in das Projekt einbezogen werden. Nach Rücksprache mit der Schule für Kranke, in deren Zuständigkeitsbereich die Schülerin mit Ihrer Einweisung in die Klinik übergegangen war, ist in der Klinik die direkte Unterrichtung durch Lehrkräfte der Schule für Kranke gewährleistet. Inwieweit der Einsatz der Videokonferenztechnik zur Aufrechterhaltung der sozialen Bindungen an den Klassenverband sinnvoll sein kann, sollte in gegenseitiger Absprache entschieden werden, wenn die Schülerin aus Sicht der Ärzte hierzu in der Lage sein könnte.
Nachdem sich der Gesundheitszustand der Schülerin überraschend schnell so weit stabilisiert hatte, dass keine unmittelbare Lebensgefahr mehr bestand, nimmt das Mädchen erneut am Klassenunterricht teil. Nach einer neuerlichen Verschlechterung der medizinischen Werte konnte die Schülerin allein durch die "Drohung" mit der Unterrichtung per VC dazu veranlaßt werden, ihr Essverhalten einer dauernden ärztlichen Kontrolle zu unterwerfen.

Die Eltern der vierten Schülerin haben bisher nicht von der ihnen angebotenen Möglichkeit Gebrauch gemacht und statt dessen zum Halbjahr den freiwilligen Rücktritt in die vorherige Klassenstufe vollzogen.

Im Mai wurde eine weitere Möglichkeit zur Einbindung einer Schülerin, die aus gesundheitlichen Gründen an der Teilnahne am Unterricht gehindert ist, vorbereitet. Die fragliche Schülerin mußte aufgrund einer chronischen Lungenerkrankung für mehrere Wochen nach Ostern einen Kuraufenthalt antreten. Gemeinsam mit der dortigen Stationsleitung sollte der Versuch unternommen werden, einen Zeitplan für die Einbeziehung der Schülerin in den Unterricht der Stammschule zu erstellen. Auch dieses Vorhaben scheiterte letzendlich an der fehlenden Verfügbarkeit der erforderlichen B-Kanäle.

Aktueller Stand:

Seit Anfang Juni 2002 wurde auf Anfrage des Elternhauses eine Schülerin in das Programm aufgenommen, die unter einer fortschreitenden Muskelschwächeerkrankung (spinale Muskelatrophie in Verbindung mit einer fortschreitend ausgeprägten Skoliose) leidet. Das Immunsystem des Mädchens ist zudem so angegriffen, dass bereits eine banale Infektion schwerwiegende Folgen haben kann. Die Schülerin ist oftmals so schwach, dass sie auch im Klassenzimmer liegen muß. Die Möglichkeit der Teilnahme am Unterricht von zuhause aus, wird von ihr als große Erleichterung wahrgenommen. Entsprechend aktiv erfolgte die Mitwirkung von Elternhaus und Patientin. So konnte die Freihaltung der erforderlichen B-Kanäle nach Durchschaltung der im Zimmer des Mädchens befindlichen Telephonbuchse zum S-O Bus des NTBA sichergestellt werden.
Seit Mitte des Monats wird das Mädchen nunmehr an den Tagen per VC in den Unterricht einbezogen, an denen es nicht in die Schule kommen kann. Die Maßnahme verläuft bisher völlig problemlos und bestätigt alle an das Verfahren gestellten Erwartungen. Das gilt insbesondere auch für die Pausenkontakte zu den Mitschülern, die so zur gegenseitigen Erheiterung aufrecht erhalten werden können.


Probleme

An den dargestellten Erfahrungen zeigt sich, dass abgesehen von technischen Pannen, die bei Anwendung des Prinzips Learning by Doing unvermeidlich sind, vor allem Akzeptanzprobleme aufgetreten sind. Daneben haben sich insbesondere im klinischen Bereich unerwartete Hürden aufgetan, die infrastruktureller Natur sind.

Mangelnde Akzeptanz
Zu unserer Überraschung mussten wir feststellen, dass Eltern, denen die Einbindung ihrer Kinder in das laufende Projekt vorgeschlagen wurde, mehrheitlich keineswegs begeistert reagierten. Nach unserem Eindruck spielte die Sorge vor einem Bekanntwerden der spezifischen Erkrankung dabei die Hauptrolle. Auch auf Seiten der infrage kommenden Schüler/innen war die Reaktion keineswegs uneingeschränkt positiv. Das, was als Entlastung von unserer Seite gedacht war, kann von Schülern durchaus als zusätzliche Belastung wahrgenommen werden. So weigert sich derzeit ein auf Grund seiner gesundheitlichen Einschränkungen für eine solche Option prädestinierter Schüler vehement, eine Kommunikationseinheit mit zu sich nach Hause zu nehmen, da er offenkundig befürchtet, hierdurch in irgendeiner Weise stigmatisiert zu werden.
Auf Seiten von Lehrkräften bereitete vor allem die über die Herstellung der Videokonferenzverbindung bewirkte "Öffentlichkeit" Besorgnisse. Probleme dieser Art lassen sich mit einem vergleichsweise geringen Schulungsaufwand minimieren. An unserer Schule wurden die Kolleginnen und Kollegen im Rahmen einer hausinternen Fortbildung mit dem notwendigen Know-How ausgestattet.

Verfügbarkeit der Technik
Voraussetzung für den Einsatz der ISDN-gestützten VC ist die dauernde Verfügbarkeit beider B-Kanäle. Dies ist gerade im klinischen Bereich nur selten gewährleistet. Zur Durchführung der H-320 basierten Konferenzschaltung werden für die zeitgleiche Bild- Tonübertragung beide B-Kanäle eines ISDN-Anschlusses belegt. Von Einrichtungen, die lediglich über einen ISDN-Anschluss verfügen und in der Regel für etwaige Notfälle stets einen Kanal freihalten müssen, kann das Verfahren mithin nicht eingesetzt werden. Diese Defizit ließe sich zwar durch die Beauftragung eines weiteren ISDN-Anschlusses bei der Telephongesellschaft kurzfristig zu geringen Kosten (25 Euro) beheben, doch erfordert dies aufgrund der damit verbundenen bürokratischen Abläufe eine längere Vorlaufzeit. Im privaten Rahmen kann das Problem infolge des fehlenden Instanzenweges selbstverständlich kurzfristig gelöst werden.

Auslastung
Grundsätzlich gilt: je kleiner die Zahl der für diesen Einsatzzweck verfügbar gemachten Geräte desto größer ist tendenziell auch deren Auslastungsgrad.
Da die Zahl der benötigten Kommunikationseinheiten in Abhängigkeit von der bekannten oder zu erwartenden Zahl der Anwendungsfälle zu bestimmen ist, macht es nach unserer Erfahrung durchaus Sinn, alternative Einsatzoptionen ins Auge zu fassen. Dies gilt vor allem dann, wenn die Zahl der Schüler, die über einen längeren Zeitraum nicht körperlich am Unterricht teilnehmen können klein ist und/oder die Zeiten der Abwesenheit von der Schule, wie etwa bei chronischen Erkrankungen, stark schwanken und zudem kurzfristig und nicht vorhersehbar notwendig werden können. Da letzterer Fall bei den beiden mit entsprechenden Stationen versehenen Schülern gegeben ist, haben wir die Stationen den Betroffenen mit nach Hause gegeben. Damit erübrigt sich die Frage nach alternativen Verwendungsmöglichkeiten. Da dieses Krankheitsbild jedoch nicht an jeder übernahmebereiten Schule vorherrschend sein muss, wurden Möglichkeiten der Auslastung der VC-Stationen auch in Zeiten untersucht, in denen keine krankheitsbedingten Verwendungen erfolgen können.

Alternative Anwendungsfelder

Der Projektentwurf sah daher im Interesse der Effizienzsteigerung von vorne herein auch andere Anwendungsfelder vor.

Beispiel 1: Intensivierung internationaler Schulkontakte zum Abbau ausländerfeindlicher Tendenzen

Inhaltlich haben wir in den vergangenen Monaten daher auch damit begonnen, das Klassenzimmer für schulübergreifende Gesprächsrunden zu aktuellen Themen zu öffnen.
So haben Schüler unserer 10. Klasse im Sommer 2001 aus Anlass rechtsextremistischer Aufmärsche in Greifswald mit Schülern eines dortigen Gymnasiums das Thema Rechtsradikalismus und "wehrhafte Demokratie" per Videokonferenzschaltung diskutiert.
Am darauffolgenden Freitag wurden Gastschüler aus Moskau in die Gesprächsrunde einbezogen, die über entsprechende Erfahrungen in ihrem Land berichteten.


Dabei eingesetzt wurden mobile Desktopsysteme mit Beamerunterstützung.

 

Deutsche und russische Schüler im Gespräch
mit Greifswalder Altersgenossen

Das Bild der Gesprächspartner des Friedrich-
Ludwig-Jahn-Gymnasiums Greifswald

 

Beispiel 2: Neue Wege zur Partnerschaft mit Polen

Eine der ersten Anwendungen der VC-Technik erfolgte 1999 im Rahmen einer gemeinsamen Erkundung der KZ-Gedenkstätte in Maidanek. Erstmals haben damals deutsche, polnische und ukrainische Schüler in gemischtnationalen Gruppen das ehemalige Konzentrationslager besucht, ihre Eindrücke in gemeinsamen Berichten beschrieben und die Ergebnisse per VC und E-Mail mit anderen Schülern in Deutschland ausgetauscht, die zeitgleich das Lager Dachau besucht hatten.


Eindrücke der Begegnung zwischen deutschen, polnischen und ukrainischen Jugendlichen

 

Beispiel 3: Grenzüberschreitende Unterrichtung durch externe Lehrkräfte
Seit Beginn des Schuljahres sind wir dabei, die Voraussetzungen für dauerhafte grenzüberschreitende Kontakte mit unserer polnischen Partnerschule zu realisieren. Hier sollen die technischen Möglichkeiten der VC-Stationen in erster Linie zur Vor- und Nachbereitung gemeinsamer Begegnungen eingesetzt werden sowie zur Abstimmung von Zwischenergebnissen gemeinsamer Projekte und deren abschließender Dokumentation. Beide Seiten arbeiten derzeit an geeigneten Themen für gemeinsame Vorhaben. Ende Dezember wurde in einer ersten Konferenzschaltung eine polnische Zeitzeugin (Überlebende von Auschwitz) zu ihren Erfahrungen mit der Stiftungsinitiative zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern befragt.


Seit Mitte Februar haben die Schülerinnen und Schüler beider Schulen zudem Gelegenheit einander gegenseitig im Unterricht zu besuchen; d.h. über die Distanz an bestimmten Fachunterrichten der jeweils anderen Schule teilzunehmen. Erste Erfahrungen konnten im Mathematikunterricht gesammelt werden. Dabei hatten Schüler beider Schulen Aufgaben aus der Trigonometrie zu bearbeiten. Die Erteilung des Unterrichts und die Erstellung der Aufgaben hatte ein polnischer Kollege übernommen. Die per VC eingebundenen deutschen Schüler nahmen als "Gäste" teil. Die nachfolgenden Bilder zeigen Szenen des Unterrichts.

Eine polnische Schülerin beobachtet mit Interesse den Lösungsweg eines deutschen Schülers.
Der polnische Kollege stellt die Aufgaben vor Getrennte Versuche, die Aufgaben zu lösen.
   
Ein deutscher Schüler und eine polnische Schülerin
diskutieren ihre Lösungswege
Vergleich der in beiden Gruppen erzielten
Resultate per Einblendung des Tafelbildes
 
Gemeinsame Abschlussbesprechung


Das aufgezeigte Beispiel ist grundsätzlich übertragbar auf zahlreiche andere Anwendungsfelder im nationalen und internationalen Rahmen. Denkbar ist etwa der Einsatz des Verfahrens zur Verbesserung der Sprachkompetenz zwischen Einrichtungen unterschiedlicher muttersprachlicher Ausrichtung (z.B. deutsche Auslandschulen). Vorstellbar ist auch ein Zusammenschalten von Jugendklubs aus unterschiedlichen Kulturkreisen oder auch die Stärkung von Bemühungen um Erhaltung der familiären Bindungen von Aussiedlern. Besondere Bedeutung kann der Einsatz auch der bei der Einbeziehung externer Experten erlangen, wie das Folgebeispiel deutlich macht.

Beispiel 4: Stärkung der politischen Partizipation durch praktizierte Bürgernähe
Aus Anlass der terroristischen Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon haben Schüler der 10' ten Klasse damit begonnen, die Hintergründe der Anschläge und die weitere Entwicklung im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu bearbeiten. Das besondere Interesse gilt hierbei den Handlungsspielräumen und Einflussmöglichkeiten der deutschen Politik. Um hier zu kompetenteren Einschätzungen gelangen zu können, bot sich das Gespräch mit dem Wahlkreisabgeordneten im Deutschen Bundestag an, da dieser als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses unmittelbar in die entsprechende Entscheidungsfindung eingebunden ist. Naturgemäß ist es nicht möglich, den eigenen Abgeordneten ständig vor Ort zu haben. Daher bietet das hier beschriebene Verfahren die Möglichkeit den Experten über die Distanz einzubeziehen. Seit Mitte Februar wurde daher eine der mobilen Videokonferenzstationen dem Bundestagsabgeordneten zur Verfügung gestellt. Seither besteht die Möglichkeit, aus aktuellem Anlass nach Absprache auch kurzfristig miteinander in das Gespräch einzutreten. Mitte März fand eine erste derartige virtuelle Konferenz zwischen dem Abgeordneten und Schülern des Lehrinstituts Derksen statt.

 
Die Jugendlichen hatten auf diese Weise Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Aktueller Anlass der Konferenzschaltung am 15. März war der am gleichen Tag stattfindende Besuch des Interimspräsidenten aus Afghanistan, Hamid Karsai. Dieser hatte sich bis 09.30 Uhr mit Mitgliedern des Auswärigen Ausschusses zu einem Informationsgespräch getroffen. Bereits um 09.45 Uhr stand der Abgeordnete Christoph Moosbauer der Schülergruppe Rede und Antwort zu den an ihn gerichteten Fragen zur aktuellen Entwicklung der Lage im Nahen und Mittleren Osten.

   
  MdB und Stellvetretender Vorsitzender des Auswärtigen
Ausschusses des Deutschen Bundestages, Christoph Moosbauer,
stellte sich kurz nach einem Informationsgespräch mit Hamid
Karsai den Fragen der Schüler zu den aktuellen Entwicklungen
im Nahen und Mittleren Osten


 
   
  Eine der beteiligten Schülerinnen im Gespräch mit dem Abgeordneten


 
Die Veranstaltung erwies sich damit auch als gelungenes Beispiel dafür, dass mit Hilfe der im Rahmen des Projektes "Offenes Klassenzimmer" eingesetzten Technologie der Anspruch nach mehr "Bürgernähe" unkompliziert umgesetzt werden kann. Das Verfahren leistet damit ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur politischen Partizipation, weil es dazu beiträgt, nicht nur die räumliche Distanz zwischen den politischen Entscheidungsträgern und dem Bürger zu überwinden.

Es lässt sich grundsätzlich ebenfalls übertragen auf Ortsvereins- oder Bürgerversammlungen, die zu Zeiten stattfinden, zu denen der gewünschte Gesprächspartner aufgrund anderweitiger Verpflichtungen nicht vor Ort anwesend sein kann.



   
  Das Bild zeigt einen anderen Schüler bei einer Frage. Im Hintergrund ist der Kontrollbildschirm zu erkennen.


 
Im Rahmen des "Offenen Klassenzimmers" bildete diese Konferenzschaltung den Auftakt für eine Serie weiterer gemeinsamer Sitzungen. In Kürze wird das Spektrum erweitert durch ähnliche Veranstaltungen zur Europäischen Integration und dem Nahost-Konflikt. Hier sind Sitzungen mit dem Mitgl. des Haushaltsausschusses des Europäischen Parlaments, der Abgeordneten
Dr. Gabriele Stauner, und nach Israel vorgesehen